Geheime Menschenversuche der CIA

Bodies availabe for terminal experiments ...

Artikel 16: Zeit-Fragen Nr. 17 vom 12. 5. 2003

Deckname Artischocke
Egmont R. Koch, Michael Wech
ISBN: 357000662X


Der «London Sunday Express» hat im August 2002 einen Artikel veröffentlicht, gemäss dem Dick Cheney und Donald Rumsfeld den Mord an einem hochrangigen CIA-Mitglied, Frank Olson, seit über 50 Jahren vertuscht haben sollen. Er war 1953 durch einen Sturz aus einen Hotelfenster in New York zu Tode gekommen. Frank Olson hatte als führender Wissenschafter auf dem Feld der biologischen Kriegsführung in der amerikanischen Biowaffenforschung der Armee, Camp Detrick, Zugang zu den geheimsten Dokumenten und Vorgängen.

Was macht diesen Todesfall nach nahezu 50 Jahren noch so interessant?

Bereits im November 2002 wurde vom deutschen Fernsehen ARD ein Dokumentarfilm ausgestrahlt, der den Titel Deckname Artischocke - die geheimen Menschenversuche der CIA trug. Jetzt erschien das Buch von Koch und Wech, das die Recherchen des Sohnes von Frank Olson, Eric Olson, wiedergibt. Für das nicht informierte amerikanische Publikum beinhaltete Deckname Artischocke vielleicht nicht viel mehr als eine weitere CIA-Story, von denen es so viele gibt und die sich für reisserische Schlagzeilen eignen. Für das Publikum in Europa jedoch sollte das Buch eine Fülle von weiteren Fragen aufwerfen, was die «Hilfsbereitschaft» und «Freundlichkeit» der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte betrifft. Weiter werden Fragen aufgeworfen, die im Zusammenhang mit den bis heute unaufgeklärten Anthrax-Anschlägen in den USA stehen.

Was war das Ergebnis der Recherchen von Frank Olsons Sohn Eric?

Es gibt nicht nur ein Ergebnis, sondern es erhellt sich dem Leser von Deckname Artischocke eines der düstersten Kapitel menschlichen Handelns: Unter dem Decknamen Artischocke setzte der amerikanische Geheimdienst, mit Hilfe deutscher Nazi-Ärzte, grausame Menschenversuche fort, die in den Konzentrationslagern an Juden, Sinti, Roma und Behinderten praktiziert worden waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verpflichtete der amerikanische militärische Geheimdienst ungefähr 1000 der führenden Nazi-Wissenschafter auf dem Gebiet der Menschenversuche und biologischen Kriegsführung für die Fortsetzung ihrer Arbeit in den USA im Dienste der amerikanischen Armee. So zum Beispiel die folgenden:

  • Dr. Samuel Rascher war 1942/43 erst 33 Jahre alt. Er ging akribisch ans Werk. Russische und polnische Kriegsgefangene waren seine Opfer. «Die Gefangenen wurden gezwungen, in grosse Wannen mit kaltem Wasser zwischen 2,5 bis 12 Grad Celsius zu steigen. Schwimmwesten sollten verhindern, dass sie untergingen. Dann warteten Rascher und seine Assistenten, bis die Versuchspersonen erstarrten, was allerdings nicht geräuschlos über die Bühne ging. 'Leider brüllen die Probanden, wenn sie sehr frieren'», so schrieb Rascher an Himmler. (S. 25)

  • Professor Kurt Blome hatte Menschenversuche mit Bakterien und Viren stets als unbedingt notwendig bezeichnet. Der österreichische Arzt Karl Josef Gross unterstützte Blome auf Geheiss von Himmler, und man begann mit Vorbereitungen, um mit Pesterregern an Menschen zu experimentieren. In Amerika wusste man via Spionagetätigkeit von diesem Unterfangen, und man kabelte die Befunde nach Washington zum Office of Strategic Services. Das OSS war ein Vorläufer der CIA und spezialisierte sich bald auf Versuche mit bewusstseinsverändernden Stoffen, wie Meskalin, LSD, Peyote, Haschisch - mit der Frage, ob sie als «Wahrheitsdroge» in Frage kämen.

  • Dr. Walter Paul Schreiber infizierte KZ-Insassen mit Fleckfieber und Malaria und spritzte Phenol. «Sie starben sehr schnell, elend, nach einem fürchterlichen Krampfanfall.» So einer von Schreibers Mitarbeitern. (S. 30)

Der amerikanische Geheimdienst hatte die sadistischsten, abgebrühtesten Ärzte verpflichtet. Sie wurden in den Dienst der US-Armee gestellt. Frank Olson war häufiger Zeuge der Versuche an Menschen, die nach 1945 in Deutschland durchgeführt wurden.

Auch an Anthrax wurde bereits seit 1942 intensiv geforscht, zum Beispiel im südenglischen Porton Down. Auf der Insel Gruinard durften die amerikanischen Kriegsforscher ihre Milzbrandbomben testen.

Auf Schloss Kransberg im Taunus bei Frankfurt am Main wurde die britisch-amerikanische Zusammenarbeit in der Biowaffenforschung weitergeführt. Das Chemical Corps und die militärische Führung von Camp Detrick führten die unter dem Decknamen Paperclip (Büroklammer) laufende Operation der Verpflichtung von Nazi-Ärzten durch. Sie bauten ab 1947 das Biowaffenzentrum in Camp Detrick auf. Sie erfanden zum Beispiel Kampfmittel gegen Ernten. Das herausragende Forschungsziel war aber die Herstellung von Milzbrandsporen und deren Abfüllung in Bomben. «Seuchen seien die höchste Form eines nicht erklärten Krieges», so der Chef des wissenschaftlichen Programms von Camp Detrick. (S. 64) Frank Olson war auch Zeuge der Freisetzungsversuche von Milzbrand.

Camp King im Taunus wurde das europäische Hauptquartier des amerikanischen Armeegeheimdienstes. Es diente nach 1945 als Verhörzentrum für prominente deutsche Kriegsgefangene. Nach 1948 war die amerikanische Geheimdienstpolitik strikt antikommunistisch. Es spielte daher keine Rolle mehr, ob ein Wissenschafter im Dienste Hitlers grausame Menschenversuche durchgeführt hatte, ob er zur SS gehört hatte und wie viele Menschen er zu Tode gequält hatte. Jetzt hiess das gemeinsame Feindbild von Amerika und Deutschland: Kommunismus. Die Operation Paperclip galt der Verpflichtung deutscher Nazigrössen für den Geheimdienst der USA. «Die Verpflichtung des hochrangigen Nazi-Mediziners war kein Einzelfall. Schon bald nach Kriegsende hatten das OSS, das 1947 von der CIA abgelöst wurde, und das Counter Intelligence Corps (CIC), der Geheimdienst der US Army, damit begonnen, hochrangige SS-Offiziere und nationalsozialistische Funktionäre als Agenten zu rekrutieren, statt sie vor Gericht zu bringen, weil sie sich im Kampf gegen den Kommunismus als nützlich erweisen konnten.» (S. 93)

Walter Schreiber arbeitete später auf der Randolph Air Force Base zusammen mit einem anderen KZ Arzt, Professor Hubertus Strughold. Dieser war in Dachau mit den Menschenversuchen der Luftwaffe befasst gewesen und sollte einer der Väter der amerikanischen Raumfahrtmedizin werden.

Das Projekt Artischocke

Das Projekt Artischocke, das 1952 begann, musste mit Schwierigkeiten kämpfen, «passende Objekte» zu finden, das heisst Menschen, deren Tod nicht auffiel und die keinerlei Möglichkeit hatten, sich zu wehren. Dann fand man zwei «Versuchsobjekte», sprich zwei Menschen, und gab dem Ganzen einen medizinischen Anstrich. Drogen, Hypnose und elektrische Stromschläge standen auf der Tagesordnung des Vorgehens der CIA. «Narkoverhöre» wurden durchgeführt, Frank Olson war sehr oft Zeuge. Ein weiterer junger Mann namens Harold Blauer wurde Opfer des Experiments des Chemical Corps der US Army: Er verstarb nach mehreren «Behandlungen» mit hohen Dosen von Meskalin. (siehe Kasten)

Später hielt sich die CIA kleine Bordelle, um die Versuche fortzusetzen. Auch der Korea-Krieg bot sich für die biologischen Experimente an: Mit Pocken, Milzbrand, Pest, Meningitis und Cholera wurde experimentiert. In Korea war das Problem der «Probandensuche» nicht gegeben. Für weitere Forschungen an Menschen, so wurde im Protokoll vermerkt, «a large number of bodies would be used». Diese grosse Anzahl von «Körpern» fand man im harten Kern der amerikanischen Kriegsgefangenen aus Nordkorea. Die POW, Prisoners of War, wurden als «einzigartiges Forschungsmaterial» betrachtet. Sie wurden unter Drogen wie LSD, Hypnose und Folter verhört. (S. 152)

Im Vietnam-Krieg fanden biologische und chemische Agenzien weitere Anwendung. Die USA ratifizierten zwar 1974 die internationale Konvention über die Ächtung biologischer Kampfstoffe, weigerten sich aber, ein rechtlich bindendes Zusatzprotokoll zur Überprüfung der internationalen Biowaffenkonvention zu unterschreiben. «Die Vereinbarung hätte die USA wie alle anderen Unterzeichnerstaaten gezwungen, ihre Militärlabors den internationalen Expertenteams zu öffnen.» Donald Rumsfeld, der schon 1975 für eine komplette Vertuschung des Falls Olson verantwortlich war, wollte solche Inspektionen um jeden Preis verhindern.

Die Autoren Koch und Wech haben unzählige Quellen ausgewertet und auch in einer umfangreichen Literaturliste gesammelt. Die Aktualität der Publikation ist gerade angesichts des Krieges gegen den Irak ausserordentlich hoch. Versuche an Menschen, verabscheuungswürdig und international geächtet, von der US-Regierung sanktioniert? Sicher gibt die Publikation dem Interessierten auch weitere Anhaltspunkte zu Hintergründen anderer Experimente, unerklärlicher Epidemien usw.

Anmerkung:

Barbara Hatch Rosenberg, Vorsitzende der Federation of American Scientists, hat dokumentiert, dass der bei den Milzbrandanschlägen in den USA benutzte Anthrax-Stamm aus dem Waffenarsenal der US-Army stammen muss.

Link:   NDR-Doku: Deckname Artischoke


Deckname Artischocke, S.136

Verlauf des Experimentes
 

09.53 UhrInjektion beginnt, ruhelose Bewegungen, Protest gegen die Injektion.
09.55 UhrInjektion endet.
09.59 Uhr... sehr ruhelos, muss von der Schwester festgehalten werden, nicht ansprechbar ... wildes Rudern mit den Armen, heftiges Schwitzen ...
10.01 Uhr... Patient richtet sich im Bett auf, komplette Versteifung des Körpers ... schnarchendes Atmen 32/min, Puls 120/min ... Zähne zusammengebissen, Schaum vor dem Mund ... rollende Augenbewegungen ...
10.04 Uhr... Verkrampfung der Rückenmuskulatur ...
10.05 Uhr... steife Extremitäten, Pupillen leicht erweitert, reagiert nicht auf Licht ...
10.09 Uhr... allgemeine Errötung des Gesichts und der Brust ... weiterhin starkes Schwitzen [...] Tremor der unteren Extremitäten, Schaum vor dem Mund ...
10.10 Uhr... weiterhin schnarchende Atmung 28/min, unregelmässig ... versteifter Kiefer...
11.05 Uhr... vereinzeltes Aufbäumen, heftige Arm- und Beinbewegungen ... redet wirr von «Murphy», meist zusammenhangslos, vorübergehend ansprechbar ...
11.12 Uhr... gesteigerte Unruhe, unterbrochene Versteifung ...
11.17 Uhr... redet nicht mehr ... fällt ins Koma, immer noch unruhig ...
11.30 Uhrstarke, schnarchende Atmung ...
11.45 Uhr... ruhiges, tiefes Koma.